In sieben Tagen über die Alpen

Tag 1: Thonon-les-Bains – La Clusaz (mit Extra-Schleife)

Eigentlich sollte es heute von Thonon-les-Bains nach La Clusaz gehen – eigentlich. Weil Pläne aber manchmal nur unverbindliche Empfehlungen sind und die Räder ohnehin schon ausgepackt waren, sind wir direkt an unserer Unterkunft in einem Vorort von Vétraz-Monthoux gestartet. Das bedeutete zwar ein paar Kilometer und Höhenmeter mehr, war uns aber herzlich egal: Wir hatten richtig Bock und die Zusatzstrecke war wunderschön.

Insgesamt ein perfekter Auftakt, auch wenn uns die Hitze am Nachmittag ganz schön gebeutelt hat. Die grandiosen Eindrücke unterwegs haben das jedoch locker aufgewogen.

Tag 2: La Clusaz – Montmagny / Bourg-Saint-Maurice

Auf der Route des Grandes Alpes ging es weiter von La Clusaz in Richtung Bourg-Saint-Maurice. Knapp über 90 Kilometer standen ursprünglich auf dem Plan. Da unsere Unterkunft allerdings in Montmagny oberhalb von Saint-Marcel lag, wichen wir etwas von der Originalroute ab und hängten noch einmal gut 30 Kilometer sowie ein paar Hundert Höhenmeter dran. Ein echter Geheimtipp war dabei der Weg zum letzten Anstieg: ein fantastischer Radweg, der sich über viele Kilometer entlang der Isère schlängelt.

Spannend war im Vorfeld vor allem die Frage, wie viele Höhenmeter uns auf den geplanten rund 120 Kilometern tatsächlich erwarten würden. Die Vorhersagen von Komoot und Garmin schwankten zwischen über 4.000 und knapp unter 3.000 Höhenmetern – also irgendwo zwischen „Pipi in den Augen“ und „alles machbar“. Und das bei Temperaturen Mitte der 30 Grad.

Tag 3: Montmagny – Saint-Michel-de-Maurienne (über den Col de l’Iseran)

Tag 3 unserer Alpenüberquerung. Auf dem Papier stand heute nur ein einziger Berg: der Col de l’Iseran. Das bedeutete allerdings auch stramme 37 Kilometer Aufstieg am Stück.

Zum Glück hatte es in der Nacht kräftig geregnet und die Temperaturen waren spürbar gesunken. Statt bei 28 Grad starteten wir bei angenehmen 18 Grad und bewölktem Himmel in den Tag – was für eine Wohltat! Das bedeutete natürlich auch, dass wir uns auf kühle Temperaturen auf 2.700 Metern Höhe einstellen mussten. Bei frischen 12 Grad am Pass reichte es droben nur für ein schnelles Erinnerungsfoto, bevor es zu kalt für eine längere Pause wurde. Aber irgendwas ist ja immer.

Bevor wir den Iseran überhaupt in Angriff nehmen konnten, gab es jedoch technisches Drama: Schon am Freitag hatte sich Tino einen Speichenriss im Hinterrad eingehandelt. Gestern steuerten wir deshalb einen Fahrradladen in Saint-Marcel an. Der freundliche Schrauber versprach, das Hinterrad kurzfristig dazwischenzuschieben. Falls es nicht klappen sollte, wollte er uns eine Ersatzspeiche mitgeben – Nippelspanner und Speichenhalter hatten wir im Gepäck, das Reparieren wäre also machbar gewesen. Kurz vor Feierabend durften wir aufatmen: Er hatte die Zeit gefunden und wir konnten das reparierte Laufrad abholen.

So starteten wir heute Morgen in Montmagny, mussten aber erst einmal zu unserem eigentlichen Etappenstart nach Bourg-Saint-Maurice kommen. Das bedeutete: direkt aus der kalten Hose in einen 4-Kilometer-Anstieg. Noch vor dem nächsten Ort, Notre-Dame-du-Pré, verkündete Tino besorgt: „Seltsame Geräusche aus dem Hinterrad!“ Wir warfen den gesamten Werkzeug- und Esoterikbaukasten an, lasen Kaffeesatz und blickten in die Glaskugel – die Ursache blieb mysteriös. Im Ort hielten wir an und machten die Bestandsaufnahme: wieder eine gerissene Speiche, wieder auf der Antriebsseite.

Zu allem Überfluss mussten wir heute auf Olli verzichten, den ein fieser Infekt außer Gefecht gesetzt hatte – so ein Mist! Doch wie es der Zufall wollte, ergab sich daraus ein Glücksfall im Unglück: Tino konnte kurzhand Ollis Hinterrad übernehmen. Der Tag war gerettet. Der Plan für morgen lautet nun: lokalen Radladen aufsuchen und irgendeine günstige Alufelge besorgen. In dem alten Hinterrad steckt definitiv kein Segen mehr. Daumendrücken ist angesagt, denn wir haben morgen noch einiges vor …

Tag 4: Saint-Michel-de-Maurienne – Briançon (über Télégraphe, Galibier & Lautaret)

Die vierte Etappe führte uns von Saint-Michel-de-Maurienne nach Briançon – inklusive der Legenden Col du Télégraphe, Col du Galibier und Col du Lautaret.

Bevor es losgehen konnte, musste jedoch Mission „Ersatzrad“ erfüllt werden. Wir steuerten den örtlichen Radladen an und fanden tatsächlich genau ein passendes Laufrad: Alufelge, Speichen in Besenstieldimensionen und „günstig“. Wobei „günstig“ relativ ist – andernorts hätte man für den aufgerufenen Preis wahrscheinlich das Vorderrad gleich dazubekommen. Aber gut: Wenn es im Umkreis genau ein Fahrradgeschäft an einer hochfrequentierten Passroute gibt, macht der Händler nun mal die Preise. Ein Mitfahrer kommentierte lakonisch: „Schlechtes muss nicht billig sein!“ Recht hat er, der alte Fuchs.

Immerhin konnte Tino die Etappe so auf eigenen Rädern in Angriff nehmen. Die heimliche Hoffnung der Gruppe, dass dieses bleischwere Laufrad ihn am Berg etwas einbremsen würde, erfüllte sich allerdings nicht im Geringsten: Tino flog wie eh und je wie ein junger Gott die Anstiege hoch.

Eine wunderschöne Überraschung wartete kurz unterhalb des Galibier auf uns: Der kranke Olli und unser Begleittross empfingen uns am Straßenrand. Nach einem kurzen Klönschnack, aufgefüllten Trinkflaschen und ein paar Fotos stürzten wir uns glücklich in die Abfahrt nach Briançon.

Tag 5: Briançon – Barcelonnette (über Izoard & Vars)

Landschaftlich war die fünfte Etappe von Briançon über den Col d’Izoard und den Col de Vars nach Barcelonnette wieder ein absolutes Festival für die Sinne. Den Bergflüssen entlang tief eingeschnittener Schluchten zu folgen, ist nicht minder eindrucksvoll, als oben auf den Pässen zu stehen und den Blick weit über die Alpenketten schweifen zu lassen.

Allerdings entwickelte sich der Tag zu einer echten Hitzeschlacht. Bereits um 10:00 Uhr kletterte das Thermometer über die 30-Grad-Marke, und um 14:00 Uhr quälten wir uns bei unbarmherzigen 45 Grad den Berg hoch. Wenn ab und zu ein Auto vorbeifuhr und die stehende, heiße Luft auch nur minimal bewegte, zauberte das schon ein dankbares Lächeln auf unsere Gesichter.

Barcelonnette ist übrigens eine uneingeschränkte Empfehlung: Ein malerischer Ort mit einer Dichte an hervorragenden Restaurants, die in keinem Verhältnis zu seiner überschaubaren Größe steht. Hier lässt es sich wunderbar aushalten, um vor den letzten beiden Etappen hinunter ans Mittelmeer noch einmal durchzuatmen.

Tag 6: Barcelonnette – Valberg (über den Col de la Cayolle)

Was für ein Tag! Der sechste Abschnitt unserer Reise auf der Route des Grandes Alpes führte uns von Barcelonnette über den wunderschönen Col de la Cayolle hinauf nach Valberg.

Bevor wir einklicken konnten, stand noch kurze Mechaniker-Arbeit an zwei, drei Rädern auf dem Programm: Scheibenbremsen nachjustieren und den allerersten (!) Platten der gesamten Tour flicken. Bis auf Tinos vermaledeites Hinterrad sind wir vom Defektteufel bisher wirklich verschont geblieben.

Das Wetter meinte es heute extrem gut mit uns. Es war leicht bewölkt und mit 28 Grad beim Start angenehm temperiert. Zudem ließen sich beide Anstiege des Tages durchweg rhythmisch und flüssig fahren. So blieb unterwegs reichlich Zeit, die fantastische Landschaft aufzusaugen: den Duft der Nadelwälder, die vielen rauschenden Wasserfälle, die spektakulären Felsformationen und die malerischen Bergdörfer entlang der Strecke. Dieser Abschnitt war definitiv eines der absoluten Highlights der gesamten Tour.

Morgen geht es auf die letzten 114 Kilometer in Richtung Nizza. Das Ziel ist klar: Strand und Meer!

Tag 7: Valberg – Nizza (über den Col de la Couillole)

Der finale Tag. Die letzte Gelegenheit, noch einmal alles wie ein Schwamm in sich aufzusaugen und unbezahlbare Erinnerungen für die Ewigkeit zu konservieren.

Die Schlussetappe führte uns von Valberg über den Col de la Couillole (nicht zu verwechseln mit dem phonetisch ähnlichen Col de la Cayolle von gestern) hinunter an die Côte d’Azur. Da uns die drückende Hitze wieder einmal ordentlich zusetzte, beschlossen wir, im Bergdorf La Tour-sur-Tinée nach einem Brunnen Ausschau zu halten, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen.

Bei der Brunnensuche gerieten wir mitten in ein lokales Dorffest. Die Dorfbewohner sprachen uns sofort an, und als wir von unserer Tour erzählten, schlug uns regelmäßig ein ungläubiges „Vous êtes fous!“ („Ihr seid doch irre!“) entgegen. Was – unabhängig von dieser Tour – vermutlich nicht ganz falsch ist.

Wir wurden prompt eingeladen, zu bleiben und mitzufeiern. Auf unsere Frage nach dem Anlass des Festes hieß es schlicht: „Einfach so! Wir gehen in die Kirche, spielen Boule und trinken – es gibt immer einen Grund.“ Dank meines überschaubaren Französischs lud ich versehentlich zwei feierwütige Einheimische auf ein Bier ein. Die revanchierten sich jedoch umgehend mit regionalen Köstlichkeiten. Ein paar Merguez, Cola und Kaffee später rollten wir schließlich weiter durch die Mittagshitze gen Süden.

Gegen Spätnachmittag erreichten wir nach insgesamt 762,7 Kilometern und 16.348 Höhenmetern unser großes Ziel: den Strand von Nizza.

Den perfekten Abschluss feierten wir abends bei einem fantastischen Essen. Jetzt bleibt nur noch: Koffer packen, Räder verstauen und ab nach Hause!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert